Logo

Das große Interview

„Ich hatte Angst vor der Stille.“

Konrad Falkenhagen, 67, war einunddreißig Jahre lang das Gesicht der Abendnachrichten. Ein Gespräch über Ruhestand, Identitätswandel und den Mut, Angst auszusprechen.

Distinguished German man in his late sixties with silver hair in a dark jacket seated in a study with bookshelves

Einleitung

Es ist ein Dienstagabend im Oktober, als Konrad Falkenhagen zum letzten Mal die Nachrichten des Abends ankündigt. Mehr als vier Millionen Menschen sehen zu. Einunddreißig Jahre lang war seine ruhige, zugewandte Stimme für viele Deutsche das Zeichen, dass ein Tag zu Ende geht. Er wurde mit Preisen überhäuft, als Chefredakteur geachtet und von Kolleginnen und Kollegen gefürchtet wie geliebt, weil er keine Frage ungestellt ließ.

Heute, zwei Jahre später, sitzt der 67-Jährige in einer Küche mit Blick auf einen Obstgarten am Rand einer fränkischen Kleinstadt. Auf dem Tisch stehen Tee und selbstgebackener Apfelkuchen, auf der Fensterbank liegt ein abgegriffenes Notizbuch. Der Mann, der Millionen den Takt des Abends vorgab, spricht inzwischen leiser, und erstaunlich frei über das, was lange niemand von ihm wissen sollte: über schlaflose Nächte vor dem Abschied, über Panik an einem ganz gewöhnlichen Montagmorgen und über den Moment, in dem er begriff, dass er sich selbst neu kennenlernen muss.

Wir haben Konrad Falkenhagen an drei Nachmittagen besucht. Entstanden ist ein Gespräch über Angst und Würde, über das Loslassen einer Rolle und über die Frage, was bleibt, wenn der Terminkalender plötzlich leer ist. Es ist ein Gespräch, das vielen Menschen kurz vor oder mitten im Ruhestand aus der Seele sprechen dürfte.

Herr Falkenhagen, an Ihrem letzten Sendetag haben Millionen Menschen zugesehen. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Ehrlich gesagt: erstaunlich wenig. Ich habe funktioniert, wie ich es dreißig Jahre lang getan hatte. Die Moderation, der Schlusssatz, das Lächeln in die Kamera. Erst als das rote Licht ausging und die Kollegen im Studio applaudierten, rutschte mir der Boden weg. In der Garderobe saß ich dann zehn Minuten allein auf dem Stuhl und dachte nur einen Satz: Und jetzt?

Man erwartet in so einem Moment Wehmut oder Erleichterung. Bei mir war es eine große Leere, und darunter eine Angst, die ich nicht benennen konnte. Ich hatte mir nie erlaubt, darüber nachzudenken, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht mehr der Mann bin, der abends die Nachrichten verliest.

Sie sprechen offen von Angst. Wovor genau hatten Sie Angst?

Es war nicht eine Angst, es waren mehrere, die sich gegenseitig verstärkt haben. Zuerst die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden. Wenn Sie jahrzehntelang das Gefühl haben, dass Ihre Arbeit gesehen und gewürdigt wird, und plötzlich ruft niemand mehr an, dann ist das ein körperlich spürbarer Entzug.

Dann kam die Angst vor der Zeit selbst. Ich hatte vierzig Jahre lang in Sendeminuten gedacht. Plötzlich lagen vor mir Tage ohne Struktur. Und schließlich, das ist mir am schwersten gefallen zuzugeben, die Angst vor dem Älterwerden. Mit der Rolle verschwand auch der Schutzschild. Ich war nicht mehr der Moderator, ich war ein Mann in den Sechzigern, der sich im Spiegel betrachtete.

Wie sah der erste Morgen danach aus?

Ich bin um halb sechs aufgewacht, wie immer. Mein Körper wusste ja nicht, dass er frei hat. Ich habe Kaffee gekocht, mich an den Küchentisch gesetzt und auf die Uhr gesehen. Es war sechs Uhr zwanzig. Ich dachte: Wie bekomme ich diesen Tag herum? Das klingt dramatisch, aber genau so war es.

Meine Frau kam gegen sieben in die Küche und fand mich dort sitzen, die Hände um die Tasse gelegt, den Blick auf die Wand. Sie hat nichts gesagt, sondern sich neben mich gesetzt und meine Hand genommen. Dieser kleine Moment hat mir mehr geholfen als jeder gute Rat in den Wochen danach.

„Ich war nie nur meine Rolle. Aber ich brauchte beinahe zwei Jahre, um das nicht nur zu wissen, sondern zu spüren.“

Wann kam der Wendepunkt?

Der Wendepunkt war leise, und er kam nach etwa vier Monaten. Ich war in eine Phase geraten, in der ich kaum noch das Haus verlassen habe. Eines Morgens bekam ich auf der Treppe plötzlich keine Luft mehr, mein Herz raste, ich dachte an einen Infarkt. Der Notarzt fand nichts. Es war eine Panikattacke.

Das war für mich ein Schock, denn ich bin jemand, der es gewohnt ist, in Ausnahmesituationen ruhig zu bleiben. Aber der Körper hatte entschieden, dass es Zeit ist, hinzusehen. Ich habe mir in der Woche darauf Hilfe gesucht, bei einer Psychotherapeutin, die mir als Erstes sagte: Sie müssen nichts leisten, Herr Falkenhagen. Es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass mir jemand diesen Satz sagte.

Empty armchair next to a bookshelf and a floor lamp in a cozy living room
Spaziergänge am Morgen geben Konrad Falkenhagen heute Halt und Struktur.

Was hat Ihnen konkret geholfen, wieder Boden unter den Füßen zu spüren?

Drei Dinge, und keines davon war spektakulär. Erstens: Struktur. Ich habe meinen Tagen wieder ein Gerüst gegeben. Morgens ein langer Spaziergang, vormittags Gartenarbeit oder Lesen, nachmittags eine feste Verabredung. Allein das Wissen, dass jeder Tag mit einem Ziel beginnt, hat die Panik kleiner gemacht.

Zweitens: Gemeinschaft. Ich bin in den Heimatverein eingetreten, was für einen früheren Fernsehmenschen ein ziemlicher Kulturschock war. Zwischen Kassenbuch und Kuchenspenden habe ich gelernt, dass Anerkennung auch dann entstehen kann, wenn niemand weiß, wer man früher war. Heute begleite ich einmal die Woche Schülerinnen und Schüler beim Lesen, und ich glaube, ich bekomme dabei mehr zurück, als ich gebe.

Und drittens: Reden. Ich habe angefangen, über meine Angst zu sprechen, mit meiner Frau, mit Freunden, in einer Gesprächsgruppe. Diese Offenheit war für mich als Journalist, der Distanz zum Handwerk zählte, eine Revolution.

Wie hat sich der Ruhestand auf Ihre Beziehung und Ihre Familie ausgewirkt?

Er hat uns auf die Probe gestellt, im besten Sinne. Meine Frau und ich waren dreißig Jahre lang ein eingespieltes Team, das sich vor allem abends sah. Plötzlich war ich den ganzen Tag da, und zwar nicht besonders gut gelaunt. Wir mussten neu verhandeln, wer wann welchen Raum braucht, wer kocht, wer Zeit für sich beansprucht.

Gerettet hat uns, dass wir ehrlich miteinander gesprochen haben. Sie hat mir gesagt, dass sie sich manchmal eingeengt fühlt, ich ihr, dass ich Angst habe, ihr zur Last zu fallen. Heute haben wir Rituale: einen gemeinsamen Spaziergang am Morgen und einen Abend pro Woche, an dem jeder etwas Neues ausprobiert. Und ich habe wieder Zeit für meine Tochter und die Enkel, die ich früher nur zwischen zwei Terminen gesehen habe.

Pair of worn hiking boots on a wooden terrace overlooking green hills
Das Notizbuch auf der Fensterbank begleitet ihn seit den ersten Wochen nach dem Abschied.

Viele Menschen sorgen sich vor dem Ruhestand auch um ihre Sicherheit. Spielte das bei Ihnen eine Rolle?

Selbstverständlich, und ich finde es wichtig, das nicht zu verschweigen. Auch wenn ich finanziell gut abgesichert war, kennt man die nächtlichen Rechenspiele: Reicht das? Was, wenn eine Krankheit kommt? Was, wenn ich länger lebe als gedacht? Sorgen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortungsgefühl.

Geholfen hat mir, mich beraten zu lassen und dann bewusst eine Entscheidung zu treffen. Ich habe gelernt, dass viel Angst daraus entsteht, dass man Dinge vor sich herschiebt. Sobald ich mir einen Überblick verschafft hatte, wurde aus dem diffusen Druck eine Aufgabe, die ich Schritt für Schritt erledigen konnte. Und das gilt, glaube ich, für fast jede Sorge.

Was würden Sie Ihrem 55-jährigen Ich raten, wenn Sie ihm heute begegnen könnten?

Ich würde ihm sagen: Fang früher an, dich auf das Leben nach dem Beruf vorzubereiten, und zwar nicht nur finanziell, sondern seelisch. Such dir Aufgaben, die nichts mit deinem Titel zu tun haben. Pflege Freundschaften, die dich auch dann noch tragen, wenn du keine Visitenkarte mehr hast.

Und ich würde ihm sagen: Schäm dich nicht für deine Angst. Sie ist kein Beweis dafür, dass du etwas falsch machst, sie ist ein Hinweis darauf, dass da etwas Wichtiges zu Ende geht und etwas Neues beginnen will. Wer das annimmt, hat den schwersten Teil schon geschafft.

Zum Schluss: Ein Gedanke zum Mitnehmen

Als wir uns verabschieden, steht die Sonne tief über dem Obstgarten. Konrad Falkenhagen begleitet uns zum Tor, bleibt kurz stehen und sieht in die Zweige der alten Apfelbäume. „Wissen Sie“, sagt er, „früher habe ich mich gefragt, wie ich die Zeit füllen soll. Heute frage ich mich, wie ich es schaffen soll, all das unterzubringen, was mir wichtig ist.“

Vielleicht ist es genau das, was sein Weg so lehrreich macht: Der Ruhestand nimmt nichts weg, was man nicht festhält. Er verlangt nur, dass man sich neu verabredet, mit der Zeit, mit den Menschen, mit sich selbst. Angst gehört dazu, und sie darf ausgesprochen werden. Wer das tut, entdeckt meist, dass er mit seinen Sorgen nicht allein ist, und dass hinter dem Abschied ein Raum liegt, den man gestalten kann.

Wenn Sie sich selbst gerade in einer solchen Phase des Übergangs befinden, möchten wir Sie ermutigen, den ersten Schritt zu gehen: ein Gespräch, eine Verabredung, ein erster Eintrag in ein leeres Notizbuch. Der Rest entsteht auf dem Weg.

Möchten Sie über Ihren eigenen Weg sprechen?

Unser Team begleitet Sie in Gesprächsrunden und persönlichen Terminen durch den Übergang in den Ruhestand.

Unsere Leistungen ansehen